Archiv für November 2013

Warum die Demo „Wir haben es satt“ als umfassende Kritik an der industriellen Landwirtschaft nicht ausreicht.


Zum vierten Mal findet nächstes Jahr am Samstag, dem 18.1.2014, die Demo „Wir haben es satt“ anlässlich der Internationalen Grünen Woche in Berlin statt. Unter dem Motto „Wir haben Agrarindustrie satt! Gutes Essen. Gute Landwirtschaft. Für Alle!“ ruft ein Bündnis von 44 Organisation auf, für eine bäuerliche und ökologischere Landwirtschaft zu demonstrieren.

„Wir haben es satt“ kritisiert die dramatischen Folgen der agrarindustriellen Massenproduktion für Menschen, Tiere und Umwelt. Eine Kritik, die wir teilen.

Warum braucht es dann noch das Aktionsbündnis „Grüne Woche demaskieren“?

Weil die Forderungen nicht weit genug gehen. Weil in der gegenwärtigen Landwirtschaft nicht nur die agrarindustrielle Massenproduktion nicht hinnehmbar ist. Weil eine grundsätzliche Kritik an der immanenten Struktur der Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt innerhalb der kapitalistischen Landwirtschaft fehlt.

Uns fehlt der Verweis darauf, dass der Hunger weltweit Resultat des globalisierten Kapitalismus ist.

Uns fehlt der Verweis darauf, dass es sich bei Lebensmittelskandalen nicht um Einzelfälle handelt, sondern um strukturelle Probleme. Lange Wertschöpfungs- und Zulieferketten, in denen jede*r Beteiligte Gewinn anstrebt, haben oftmals hohe soziale und ökologische Kosten.

Uns fehlt der Verweis darauf, dass eine „artgerechte Tierhaltung“ per se nicht möglich ist und ein Ende der Megaställe nicht ausreicht. Auch bei „Bio“tierhaltung handelt es sich meist um Massentierhaltung. Worte wie „Bio“ und „artgerecht“ verschleiern die Ausbeutung von Tieren oder geben vor, eine faire Ausbeutung sei möglich. Besonders kritisch ist die Beteiligung des deutschen Tierschutzbundes zu bewerten, der für das neue Verbrauchertäuschende Tierschutzlabel „Für mehr Tierschutz“ verantwortlich ist. Wir fordern eine vollständige Abkehr von der Tiernutzung.

Die Demo „Wir haben es satt“ ist inzwischen selbst zu einer Art Institution geworden, auf der die Beteiligten sich jedes Jahr gegenseitig bestätigen, was kritisiert werden muss und was als Lösung akzeptabel ist. Mit unserem Aufruf wollen wir dagegen mehr Menschen zum eigenständigen Handeln motivieren, anstatt nur institutionalisierten Protest zu konsumieren. Wir wünschen uns vielfältige kreative Aktionen, die hoffentlich mehr bewirken, als die alljährliche, vollständig vorhersehbare und politisch von allen eingeplante Demo.

Aus diesem Grund rufen wir alle Menschen auf, denen die Forderungen des Bündnisses „Wir haben es satt“ nicht weit genug gehen, sich an unseren Aktionen zu beteiligen oder eigene Aktionen zu planen. Am Samstag und Sonntag, 18. und 19. Januar, ist je ein Infostand vor dem Gelände der Internationalen Grünen Woche geplant (Programm). Weitere Veranstaltungen werden folgen. Auf unserer Homepage findet ihr das aktuelle Programm. Wenn Ihr möchtet, dass wir Eure Aktion im Vorfeld auf der Aktionswochen-Website ankündigen und dafür mobilisieren, oder wenn Ihr mit uns zusammen am organisatorischen Rahmen der Aktionswoche arbeiten wollt, meldet Euch gerne einfach bei: aktionen-gruene-woche[ät]riseup.net.

Zynische Image-Pflege der Tierindustrie: Benefizempfang für die Welthungerhilfe

Aus dem Programm der Grünen Woche für Freitag, 17. 1. 2014

Die Eröffnung des „Erlebnisbauernhofs“ auf der Grünen Woche mit einm Benefizempfang zugunsten der Welthungerhilfe zu feiern, ist zynisch, weil der „Erlebnisbauernhof“ primär der Beschönigung und Bewerbung der Tierindustrie dient – ist er doch ein Projekt der Fördergemeinschaft für nachhaltige Landwirtschaft, ein Lobbyverein, in dem u. a. der Deutsche Bauernverband, die Zentralverbände der deutschen Geflügelwirtschaft und der deutschen Schweineproduktion organisiert sind.
Die Tierindustrie trägt allerdings wesentlich zu Hunger und Armut in der Welt bei: Durch den hohen Verbrauch von Futtermitteln aus Soja und Getreide in der Intensivtierhaltung werden die Preise dafür in die Höhe getrieben. Insbesondere in Südamerika wird folglich Regenwald für neue Anbaugebiete gerodet, Landbewohner*innen werden vertrieben und/oder durch im Sojaanbau eingesetzte Chemikalien geschädigt. Überall auf der Welt werden für die Ärmsten die Grundnahrungsmittel teurer. Darüber hinaus werden Überschüsse aus der europäischen Fleischindustrie u. a. nach Afrika exportiert, wo sie die örtlichen Märkte zerstören und so für Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger sorgen. Innerhalb des globalisierten Kapitalismus sind also die konkreten Handlungen der europäischen Tiernutzungs-Konzerne im Verbund mit der europäischen Politik, die sich für die Offenheit der Märkte und den Export von Tierprodukten stark macht, mit dafür verantwortlich, dass hunderte Millionen Menschen jährlich von Hunger betroffen sind.
Genau davon sucht die Industrie abzulenken, indem sie öffentlichkeitswirksam Spenden für die Welthungerhilfe sammelt und sich so als Bekämpfer statt als Mitverursacher des globalen Hungers darstellt.

Hier sind Infos und zwei Dokus zu den Zusammenhängen:
Artikel „Das billige Fleisch hat Folgen“ (Neues Deutschland)
„Der Fleischatlas 2013″
ARTE-Dokumentation „Nie wieder Fleisch“
ARTE-Dokumentation „Hühner für Afrika“

Geradezu unerträglich heuchlerische Statements zu den Spendenaktionen in früheren Jahren gibt es hier:
Pressemitteilung „20.000 Euro für Welthungerhilfe“ (2011)
Pressemittelung „ErlebnisBauernhof Spendenaktion sammelt 25.000 Euro für Welthungerhilfe“ (2012)

Erste Veranstaltungen angekündigt

Am ersten Wochenende der Messe wird es am Samstag und Sonntag je von 10 bis 16 Uhr eine Mahnwache vor dem Nordeingang der Messe geben, wo wir Flyer verteilen und die Besucher*innen über die Realität der Tierausbeutung und die allgemeine Destruktivität der gegenwärtigen Agrarindustrie informieren und über Alternativen diskutieren wollen. Gern willkommen sind zusätzliche Straßentheater-Aktionen oder Redebeiträge.
Alle geplanten Aktionen werden dann hier im Programm angekündigt.

Was ist uns wichtig?

Wenn ihr an unserem Protest teilnehmen wollt, bitten wir euch Folgendes zu beachten:

Was ist uns wichtig?

Wir, die Autor*innen dieses Aufrufs, verstehen uns als Teil aller emanzipatorischen Bewegungen, die gegen Herrschaft, Ausbeutung und Diskriminierung kämpfen. Speziesismus und die Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere einschließlich deren Nutzung (z. B. Zucht, Haltung und Tötung) zur Ernährung, Unterhaltung und Kleidung von Menschen sowie zu Versuchszwecken lehnen wir klar ab. Ebenso vehement wenden wir uns gegen Sexismus, Rassismus, Klassismus, Homophobie und alle weiteren Arten von Diskriminierung und Unterdrückung. Wir glauben an eine mögliche Gesellschaft, in der Menschen solidarisch miteinander ihre größtmögliche individuelle Freiheit und Vielfalt organisieren und auch nichtmenschlichen Individuen selbstverständlich ihre ganz eigene Freiheit lassen.

Wenn es Euch da so wie uns geht, laden wir Euch herzlich ein, Euch uns bei unseren Aktionen, bei deren Vorbereitung oder mit der Planung eigener Aktionen anzuschließen!
Uns ist bewusst, dass derzeit viele emanzipatorisch Aktive nicht wie wir auch die vollständige Befreiung nichtmenschlicher Tiere aus menschlicher Herrschaft als selbstverständliches Ziel ansehen. Wir laden auch Euch herzlich ein, Euch uns mit Eurem Protest und Eurem Widerstand anzuschließen, möchten Euch aber nachdrücklich bitten, in diesem Rahmen nicht für irgendeine vermeintlich bessere Form der Tierhaltung (Bio, Demeter, Neuland, kleine Bauernhöfe, …) als Alternative zu werben. Auch wenn Ihr uns vielleicht nicht versteht, könnt Ihr Euch bestimmt vorstellen, dass es uns traurig und ratlos machen würde, bei von uns beworbenen und unterstützten Aktionen Flyer, Banner oder Pressestatements zu lesen, in denen für eine aus unserer Sicht lediglich abgewandelte Form von Herrschaft und Ausbeutung plädiert wird. Dafür gibt es in der derzeitigen Bewegungslandschaft schon genügend andere Orte.

Ebenso wünschen wir uns, dass im Rahmen dieser Aktionen nicht für Parteien und religiöse Organisationen geworben wird (z. B. in Form von Fahnen, Logos oder Pressestatements mit solchen Organisationsnamen). Wir halten solche Organisationszusammenhänge eher für Teil des Problems als für Teil der Lösung, und sie finden ebenfalls genügend andere Orte, für ihre Stukturen zu werben. Individuen aus solchen Zusammenhängen laden wir aber natürlich ebenso gerne ein wie alle anderen, bei unseren oder mit eigenen Aktionen mitzumachen.

Wie wollen wir vorgehen?

Wir werden an jenen Aktionstagen entschlossen und gut vorbereitet handeln. Es wird keine Anführer*innen oder offiziellen Hierarchien geben, und es liegt an uns allen, im Rahmen der Vorbereitung und Durchführung der Aktionen auch tatsächliche Selbstbestimmung zu verwirklichen. Dafür werden wir beispielsweise im Vorfeld Aktionstrainings anbieten und während der Aktion eine Rätestruktur anregen.

Wir wollen bei unseren Aktionen ruhig, besonnen und friedlich vorgehen. Während der Aktion wollen wir eine Situation schaffen, die für alle Aktiven transparent ist und in der die Aktionsteilnehmer*innen solidarisch aufeinander achten und sich unterstützen. Eskalationen werden ausdrücklich vermieden. Wir möchten auf gar keinen Fall, dass bei unserer Aktion Individuen (menschlich oder nicht-menschlich) zuschaden kommen.

Wir heißen unterschiedliche Aktions- und Widerstandsformen explizit willkommen und wollen uns gegenseitig mit unseren verschiedenen Bedürfnissen und Aktionsformen, sofern sie im Rahmen dieses Aktionskonsenses liegen, respektieren. Wir bitten Aktive, die Aktionen außerhalb dieses Konsenses durchführen möchten, dies einfach an anderer Stelle und nicht im Namen unserer Aktionstage zu tun.

Alle Teilnehmenden sind eingeladen, sich selbst, ihre Kreativität und Erfahrung aktiv in die Aktionen einzubringen. So wollen wir gemeinsam die Verantwortung für das Gelingen übernehmen und zu erfolgreichen Aktionstagen beitragen. Für ein kraftvolles und wahrnehmbares politisches Signal gegen die allumfassende Ausbeutung von Tier, Mensch und Umwelt im kapitalistischen System!

Aufruf

Anlässlich der Messe „Internationale Grüne Woche“ vom 17. – 26. Januar 2014 rufen wir dazu auf, entschlossenen Protest und Widerstand gegen das heutige Landwirtschafts- und Ernährungssystem am Messegelände in Berlin auszudrücken.

Warum gegen die Grüne Woche?

Als weltgrößte Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau steht die Grüne Woche für all die Unterdrückung, Tierausbeutung und Umweltzerstörung des kapitalistischen Landwirtschaftssystems, gegen die Millionen Menschen überall auf dem Planeten seit Jahrzehnten und Jahrhunderten gemeinsam kämpfen.
Über die genauen Hintergründe unseres Protestes könnt ihr euch hier informieren.

Was stellen wir uns vor?

Wir mobilisieren zu einer größeren öffentlichen Protestaktion. Darüber hinaus möchten wir andere Aktive und Gruppen motivieren, eigene Aktionen zu ihren bevorzugten Themenschwerpunkten zu organisieren. Im Idealfall entsteht am Messegelände ein buntes Ensemble sich ergänzender Aktionen mit unterschiedlichen Blickwinkeln und Kommunikationsstrategien. Wenn ihr euch beteiligen wollt, lest bitte hier, was uns wichtig ist.

Wenn Ihr möchtet, dass wir Eure Aktion im Vorfeld auf der Aktionswochen-Website ankündigen und dafür mobilisieren, oder wenn Ihr mit uns zusammen am organisatorischen Rahmen der Aktionswoche arbeiten wollt, meldet Euch gerne einfach bei: aktionen-gruene-woche@riseup.net.

Für ein kraftvolles und wahrnehmbares politisches Signal gegen die allumfassende Ausbeutung von Tier, Mensch und Umwelt im kapitalistischen System!