Interview von Landwirtschaftsminister Friedrich mit Topagrar ist ein Fake

Wie wir soeben erfahren haben, war das Interview von Landwirtschaftsminister Friedrich mit der Landwirtschaftszeitung Topagrar, auf das wir uns in einer Pressemitteilung bezogen haben, nicht echt.

Es wurde von Unbekannten fingiert, um eine Diskussion anzustoßen. Das wurde uns zumindest in einer E-Mail von den MacherInnen geschrieben. Sie schreiben außerdem, dass die vermeintlichen Aussagen von Friedrich nicht einfach so ausgedacht waren. Vieles davon komme in Äußerungen und Publikationen von ihm und anderen regierungsnahen Menschen vor. Hier kopieren wir die Darstellung dieser Anlehnungen aus der Mail:

1. Friedrich sagt im Fake-Interview: „Eine Gesellschaft, die den Dauerkonflikt um die Nutztierhaltung lösen will, steht in einem marktwirtschaftlichen System mit offenen Grenzen natürlich vor einer immensen Herausforderung. Alle ‚einfachen Lösungen‘ erweisen sich bei näherer Betrachtung als nur begrenzt wirksam. Wir müssen die gesellschaftlichen Ansprüche an Tierwohl und Verbraucherschutz mit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit in Einklang bringen.“

--> Die ersten beiden Sätze sind wörtlich kopiert aus der Selbstbeschreibung des „Fachforum Nutztiere“ der Deutschen Agrarforschungsallianz, die u.a. mit dem Landwirtschaftsministerium zusammen daran arbeiten, eine „messbare Verbesserung des Zustands der Nutztierhaltung herbeizuführen“.
Dabei werden allerdings wirtschaftliche Rahmenbedingungen nicht in Frage gestellt und die Zunahme des Tierproduktkonsums als gegeben vorausgesetzt.
Zitat: „Bereits heute sorgt der Streit darüber, wie der derzeitige Zustand der Nutztierhaltung zu beurteilen ist und in welcher Richtung sich die Nutztierhaltung weiterentwickeln soll, bei Bürgern und bei Landwirten für Ärger, Enttäuschung und Frustration.
Die Konflikte brechen zumeist punktuell auf, zum Beispiel bei geplanten Baumaßnahmen oder in der Folge von Fernseh- oder Zeitschriftenreportagen. Bei diesen Anlässen wird zum einen deutlich, dass Deutschland von einem Konsens über den richtigen Umgang mit Nutztieren weit entfernt ist, zum anderen aber auch, wie schwierig es ist, in einem marktwirtschaftlich verfassten und international vernetzten Wirtschaftszweig Strategien zu entwickeln, die Aussicht auf grundlegende Kurskorrekturen bieten. Im globalen Maßstab wird damit gerechnet, dass das starke Nachfragewachstum auch künftig anhält. Die Welternährungsorganisation FAO geht davon aus, dass sich die jährliche Fleischproduktion innerhalb der kommenden 40 Jahre noch einmal verdoppeln wird. Gleichzeitig wird die Ressourcenbasis für die Weltagrarwirtschaft durch den Nachfrageanstieg bei pflanzlichen Nahrungsmitteln, Industriegrundstoffen und insbesondere Bioenergie verknappt. Beide Effekte führen dazu, dass der wirtschaftliche Druck in Richtung auf eine weitere Intensivierung der Produktion (mehr ertragssteigernde Produktionsmittel) und eine weitere Produktivitätssteigerung (höhere Leistungen, bessere Futterverwertung) tendenziell weiter zunimmt.“

2. Friedrich sagt im Fake-Inteview: „Nachhaltigkeit erreichen wir primär durch Effizienzsteigerung – und nicht durch Ökologisierung, wie das von anderen immer wieder gefordert wird.“
--> Das ist ein fast wörtliches Zitat vom parlamentarischen Staatssekretär Bleser, der immer noch im Landwirtschaftsministerium tätig ist. Siehe hier
ab Min. 3:00 etwa.

3. Friedrich sagt im Fake-Interview: „Beispiel Milchkühe: Da konnte bereits in der Vergangenheit der Ausstoß klimarelevanter Gase durch die Leistungssteigerung je Tier und den dadurch bedingten Rückgang der Rinderbestände reduziert werden. Es wird zudem daran geforscht, wie sich durch weitere Intensivierung, Züchtung und möglicherweise auch durch gentechnologische Entwicklungen der Ausstoß des Gases pro Liter Milch verringern lässt.“
--> Daran wird tatsächlich an Unis geforscht, siehe z.B. hier.
Zitat: „Der Ausstoß klimarelevanter Gase konnte in der Vergangenheit durch die Leistungssteigerung je Tier und den dadurch bedingten Rückgang der Rinderbestände zwar beachtlich reduziert werden, daraus folgt aber auch, dass hier zukünftig nur noch wenig Spielraum vorhanden ist. Eine züchterische Beeinflussung der Methanemissionen ist bislang nur indirekt möglich, z.B. durch Zucht auf bessere Tiergesundheit, längere Nutzungsdauer und kürzere Aufzuchtdauer (FLACHOWSKY und BRADE, 2007). Die Landwirtschaft unterliegt im Rahmen ihrer Aufgabe zur Ernährungssicherung in den internationalen Klimaschutzabkommen zurzeit zwar noch keinen konkreten Reduktionsverpflichtungen, dennoch bleibt das Thema Klimawandel hochaktuell. Zukünftige Ziel-vorgaben hinsichtlich der Reduktion der Treibhausgasemissionen lassen sich nur schwer vorhersagen. Es ist aber zu erwarten, dass die Landwirtschaft und insbesondere der Sektor, der für die Erzeugung tierischer Produkte zuständig ist, zur Umsetzung klimapolitischer Pläne in Zukunft stärker als bisher in die Verantwortung genommen werden. Die Steigerung der Effizienz stellt einen wesentlichen Schlüssel zum Erfolg dar. Langfristig ist aber auch eine bessere Ausarbeitung züchterischer Strategien zur Emissionsreduktion dringend erforderlich. Es bedarf weiterer Forschungsaktivitäten hinsichtlich Klimagasentstehung bzw. -reduktion und Möglichkeiten einer züchterischen Einflussnahme auf die tierindividuellen Methanemissionen.“

4. Friedrich sagt im Fake-Interview: „Auch in anderen Bereichen lautet die Kernfrage für Forschung und Bauern: Wie lässt sich die Produktivität nachhaltig steigern? Umweltbezogene und soziale Nachhaltigkeitskriterien sind in der Landwirtschaft nur dann langfristig flächendeckend einzuhalten, wenn die wirtschaftliche Umsetzbarkeit gegeben ist.“
--> Darüber sind sich zentrale Akteure der deutschen Landwirtschaft einig. Siehe hier.

5. Friedrich sagt im Fake-Interview: „Manche der geäußerten Forderungen sind aus meiner Sicht allerdings realitätsfern. Nehmen Sie zum Beispiel das Recht auf Nahrung: Wir haben zwar im Koalitionsvertrag festgehalten, dass wir uns innerhalb internationaler Organisationen und im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit für ein Recht auf Nahrung einsetzen wollen. Die Aufgabe meiner Landwirtschaftspolitik sehe ich allerdings darin, die deutschen Bauern gegen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu unterstützen. Es zeugt von einem fatalen Missverständnis, wenn man die marktwirtschaftlich orientierte Landwirtschaft daran misst, wie gut sie die Ernährung der Menschen gewährleistet – sie funktioniert nach anderen Prinzipien.“
--> Hier gibt es kein so direktes Vorbild – es ist schon selten, dass die Verteidiger der Marktwirtschaft deren Schwächen so direkt eingestehen. Wie sehr aber Friedrich die marktwirtschaftlichen Prinzipien vertritt und wie wenig ihn die Versorgung der Menschen mit Essen kümmert, zeigt dieses Interview.

Vielleicht findet jemand noch eindeutigere Aussagen? Ebenso zu dem wachsenden Fleischkonsum als Chance – das wurde zugespitzt, wir wetten aber darauf, dass er das tatsächlich so sieht. Vielleicht findet jemand Belege?

6. Friedrich sagt im Fake-Interview: „Fleisch ist ein wertvolles und wichtiges Lebensmittel. Außerdem gehört die Entscheidungsfreiheit der Einzelnen zu unseren Grundwerten: Wenn ich Fleisch essen will, dann esse ich Fleisch. Und wer Körner essen will, der kann ja gerne Körner essen.“
--> Sehr ähnliches hat er wirklich gesagt, siehe hier. Siehe auch.

7. Friedrich sagt im Fake-Interview: „Unsere Strategie ist daher, an der zweiten Seite des Problems anzusetzen: der öffentlichen Wahrnehmung. Wir müssen die Verbraucherinnen und Verbraucher dazu bringen zu glauben, dass auch intensive Produktionssysteme tiergerecht sein können – nur so wird die Branche weiter erfolgreich sein. “
--> So sieht tatsächlich die Strategie der Fleischlobby aus, mit der sich Friedrich ja hervorragend versteht. Siehe dazu diesen Artikel

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