Archiv der Kategorie 'Programm der Grünen Woche'

Aktion bei der Eröffnung des „ErlebnisBauernhofs“

AktivistInnen von „Grüne Woche demaskieren!“ haben am heutigen Vormittag einen Werbe-Schlachttransporter im „ErlebnisBauernhof“ erklettert und gegen kapitalistische Landwirtschaft auf der Grünen Woche protestiert.

Während der Eröffnung des Erlebnisbauernhofs auf der Internationalen Grünen Woche fand heute eine Protestaktion der Gruppe „Grüne Woche demaskieren!“ statt. Zwei AktivistInnen kletterten auf den dort platzierten Schlachttransporter mit der zynischen Aufschrift „Wir transportieren Tierschutz“, ließen ein Transparent herunter und hielten eine Ansprache. Andere Aktive verteilten derweil Flugblätter, in denen sie Kritik an der gegenwärtigen Landwirtschaft übten und die Grüne Woche als Werbeveranstaltung für ein gewaltvolles und ausbeuterisches System bezeichneten. Die anwesende Menge aus LandwirtInnen, Landjugendlichen und Vertretern der ausstellenden Firmen schrien die AktivstInnen von unten mit der Parole „Ihr könnt nach Hause gehen“ nieder. (mehr…)

Das „Internationale Parlament der Blumen“

Die Planer der Grünen Woche lassen sich einiges einfallen, um die Messebesucher zu beeindrucken. So werden im „Internationalen Parlament der Blumen“ herausragende floristische Besonderheiten präsentiert. Palmen, Tulpen, Sukkulenten, Azaleen und weitere Blumen und Zierpflanzen aus aller Welt verwandeln die Blumenhalle in einen Parlamentsaal. „Hier nehmen die jeweiligen „Blumen- und Pflanzennationen“ entsprechend ihrer nationalen Herkunft auf bis zu drei Meter hohen, radial angeordneten Blumenterrassen in Pflanzengemeinschaften ihre Plätze ein.“

Da wundert sich der Laie und der Fachmann staunt. Informationen zu den lokalen Auswirkungen und Arbeitsbedingungen des Blumenanbaus wird man auf der Grünen Woche aber sicher vergeblich suchen.

Die wenigsten Schnittblumen werden in den Ländern angebaut, in denen sie verkauft werden. Die meisten Blumen stammen aus südlichen Ländern (Ostafrika und Südamerika) mit optimalen klimatischen Bedingungen. Kenia und Tansania sind die größten Rosenexporteure. Trotz des aufwendigen Transportes in gekühlten Frachtcontainern per Flugzeug ist der Blumenimport immer noch kostengünstiger als die Produktion in Europa. Das liegt u.a. auch an den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und den oft fehlenden Umweltstandards in den Herkunftsländern.
Die Arbeiter*innen arbeiten oftmals für einen unregelmäßigen Hungerlohn, haben nur Kurzarbeitsverträge ohne Anspruch auf Sozialleistungen und keine festgelegten Arbeits- oder Pausenzeiten. Gesundheitlich werden sie durch den Einsatz von Pestiziden und anderen Chemikalien, die auch zu beträchtlichen Umweltschäden führen, belastet. So weisen fast alle in Europa verkauften Rosen giftige Pestizidrückstände auf . Diese sind jedoch nur für die Arbeiter*innen in den Anbauländern gesundheitsgefährlich – Kopf- und Magenschmerzen, gerötete Augen, Atemprobleme und Allergien bis hin zu Fehlgeburten sind die Folge.

Der Blumenanbau verbraucht viel Wasser. Rosen benötigen 60 m³ sauberes Wasser pro Hektar und Tag – Wasser, das in den tropischen Ländern sinnvoller genutzt werden könnte. Die meisten Rosen aus Kenia werden auf Farmen um den Naivasha-See angebaut. Aufgrund des hohen Wasserverbrauchs für die Schnittblumenindustrie droht der See in Trockenperioden auszutrocknen. Auch wird immer wieder mit Chemikalien belastetes Abwasser ungefiltert in den See geleitet. Das zerstört die lokalen Ökosysteme und somit die Lebensgrundlage der Arbeiter*innen und Kleinbauer*innen (Link).

Globale Ungerechtigkeiten werden auf der Grünen Woche nicht thematisiert. Vielleicht soll ja auch ein „Internationales Parlament der Blumen“ eine Gleichberechtigung der einzelnen Menschen und Nationen suggerieren?

Zucht-„Erfolge“ und aussterbende „Nutz“-Tierarten nebeneinander auf der Grünen Woche

Während der internationalen Grünen Woche werden in der Halle 25 auch dieses Jahr regelmäßig Tierschauen veranstaltet. Zum einen werden gefährdete „Nutz“-Tierrassen gezeigt, deren Zucht und Dasein sich ökonomisch nicht mehr lohnt. Sie geben zu wenig Milch, legen zu wenige Eier oder setzen zu wenig Muskelmasse an. Deshalb sind sie vom Aussterben bedroht. Dieses Jahr werden unter anderem der Auerochse, die Pfauenziege und die gefährdete Nutztierrasse 2014 das „Dülmener Pferd“ zu sehen sein.

Zum anderen werden die modernen Rassen, die heutzutage in der Agrarindustrie genutzt werden, in einem Schaulaufen dem Fachpublikum und dem interessierten Messebesucher vorgeführt (Link, Link). Diese nichtmenschlichen Tiere sind für eine „Nutzungsart“ optimiert. Hühner, die über 300 Eier pro Jahr legen. „Mast“-Hühner, -Schweine und Puten, die extrem schnell, extrem viel Fleisch ansetzen. „Milch“-Kühe, die auf Turboleistung gezüchtet werden und bis zu 19.000 kg Milch pro Jahr liefern – das sind bei 300 Melktagen etwa 10 % ihres Körpergewichtes an einem Tag.

Die steigenden Anforderungen an die Leistung der modernen „Nutz“-Tierrassen gehen natürlich auf Kosten der Tiere: Die Verdoppelung der Milchleistung in den letzten 50 Jahren führt zu häufigeren Fruchtbarkeitsstörungen, Euter- und Klauen-Erkrankungen sowie Stoffwechselstörungen. Ein Großteil der Masthühner leidet auf Grund der großen Muskelmasse an Gelenkerkrankungen. „Mast“-Schweine weisen häufig Herz-Kreislauf-Störungen, Gelenkerkrankungen und eine hohe Stressanfälligkeit auf. Die häufigste Todesursache der „Lege“-Hühner vor der Schlachtung sind Erkrankungen der Legeorgane. Sei es als in Kauf genommener Nebeneffekt oder als erwünschter Zuchterfolg – durchweg sinkt die Lebenserwartung (im Fachjargon zynisch „Nutzungsdauer“ genannt) der Tiere. Mehr als ein Drittel einer Kuhherde muss jährlich geschlachtet werden – meist wegen behandlungsresistenter Erkrankungen, trotz Antibiotikagabe. „Lege“-Hühner leben nur eine Legeperiode (ein Jahr). Masthühner haben bereits nach 28 Tagen ihr Schlachtgewicht erreicht.

Genetisch krank und auf Dauer nicht überlebensfähig oder vom Aussterben bedroht – als Frankensteins Monster für die effiziente Nutzung durch den Menschen erschaffen oder aus sentimentalen Gründen erhalten. Auf der Grünen Woche kann beides nebeneinander existieren. Ohne dass offensichtliche Fragen zur gängigen Praxis der Tierausbeutung aufgeworfen werden.

Gesundes Wildbret aus tierschutzgerechter Jagd – Eine Lektion Jägerlatein

Tod und Töten für Kinder
Auf der Grünen Woche präsentiert sich traditionell auch der Deutsche Jagdverband. 2014 werden die Jäger*innen in der Halle 26a ein Minibiotop anlegen und dort ein paar süße Wildtiere einsperren. Auf 300 Quadratmeter, der Fläche eines mittleren Biergartens, können Kinder sich z. B. Dachse und Waschbären aus der Nähe anschauen. Die Jäger*innen bekommen dazu die Gelegenheit, ihr gewaltvolles Hobby im sanften Naturschutzlicht zu präsentieren. Und wie so oft auf dieser Messe wird kein Hehl daraus gemacht, dass Faszination und Zerstörung zusammengedacht, dass ein Interesse an Tieren in schönster Harmonie mit dem Verzehr ihrer toten Körper stehen soll. In der Messezeitung heißt es auf S. 21:

Die Jäger zeigen in Halle 26a zudem, wie bunt und vielfältig die heimische Natur ist, was die Jäger zu deren Erhalt beitragen und wie gesund und lecker Wildbret ist. Dass dem Hirschgulasch oder der Wildschweinbratwurst eine tierschutzgerechte Jagd vorausgeht, wie diese in Deutschland ausgeübt wird und welche strengen Vorgaben gelten, erfahren Besucher ebenfalls.

Eine Differenz von Schein und Wirklichkeit besteht hier in mindestens drei Punkten.

1. Jagd und Erhalt der Natur: Seit langem wird die These, dass die Jäger*innen einen Beitrag zum Naturschutz leisten, indem sie z. B. Populationen kontrollieren, scharf kritisiert. Jäger*innen tragen z. B. in vielen Fällen durch gezielte Fütterung von Wildtieren zu deren Vermehrung bei, die sie dann als Problem bezeichnen, zu dessen Lösung sie sich berufen fühlen. Dass der Naturschutz gewöhnlich nicht das Motiv beim Jagen ist, geht aus zahlreichen Insiderberichten hervor. Und ganz allgemein gilt: Die Idee, dass die Natur durch das Verletzen und Töten ihrer fühlenden Bewohner zu schützen sei, ist mindestens paradox.

2. Gesundes Wildbret: Während in manchen anderen Ländern das Jagen mit bleihaltiger Munition verboten ist, darf in Deutschland noch damit auf Rehe und andere Waldbewohner geballert werden. Infolgedessen sind dann auch die aus ihren Körpern hergestellten Waren mit Blei belastet und können so ein Risiko insbesondere für Schwangere und Kleinkinder darstellen.

3. Tierschutzgerechte Jagd und strenge Vorgaben: Zunächst ist festzustellen, dass die Jagd nur deshalb mit dem Tierschutzgesetz übereinstimmen kann, weil für sie Ausnahmen festgelegt sind – dass etwa die Betäubung beim Töten wegfallen darf. Das Tierschutzgesetz selbst ist außerdem bekannt dafür, dass es Tiere vor einer Vielzahl von Grauenhaftigkeiten gerade nicht schützt – es wird zu Recht „Tiernutzgesetz“ genannt. Und die Jagd hat ihre ganz speziellen Grauenhaftigkeiten: Eine liegt darin, dass viele Tiere durch die Jäger*innen nur angeschossen werden und langsam und qualvoll sterben. Ein zweites Beispiel ist die in der Fuchsjagd übliche Praxis, Hunde in die Fuchs-Behausungen zu jagen, wo sie oft stundenlang mit den Füchsen kämpfen, bis diese herauskommen, um dort erschossen zu werden. Mit Tierschutz im Sinne der Vermeidung „unnötigen“ Leidens hat die Jagd daher überhaupt nichts zu tun.

Aus unserer Sicht ist das Hauptproblem freilich nicht, dass die Tiere nicht tierschutzgerecht getötet werden. Jedes Tier, das von einer Jägerin oder einem Jäger erschossen wird, wollte nicht sterben. Jedes dieser Tiere hatte Bewusstsein, Gefühle und ein eigenes Leben, das ihm aus bloßem Spaß am Töten oder falsch verstandenem Naturschutz genommen wurde. Viele dieser Tiere hatten auch Angehörige und Freunde, die um sie trauern.
Jagd ist weder notwendig, noch natürlich, noch gut oder nützlich. Jagd ist die Verletzung und Tötung von Individuen als Sport und Hobby. Auch dagegen wenden wir uns in unserem Protest gegen die Grüne Woche. Schließt euch uns an!

Mehr zur Jagd:
ARIWA über Jagd
Anti-Jagd-Blog

Zynische Image-Pflege der Tierindustrie: Benefizempfang für die Welthungerhilfe

Aus dem Programm der Grünen Woche für Freitag, 17. 1. 2014

Die Eröffnung des „Erlebnisbauernhofs“ auf der Grünen Woche mit einm Benefizempfang zugunsten der Welthungerhilfe zu feiern, ist zynisch, weil der „Erlebnisbauernhof“ primär der Beschönigung und Bewerbung der Tierindustrie dient – ist er doch ein Projekt der Fördergemeinschaft für nachhaltige Landwirtschaft, ein Lobbyverein, in dem u. a. der Deutsche Bauernverband, die Zentralverbände der deutschen Geflügelwirtschaft und der deutschen Schweineproduktion organisiert sind.
Die Tierindustrie trägt allerdings wesentlich zu Hunger und Armut in der Welt bei: Durch den hohen Verbrauch von Futtermitteln aus Soja und Getreide in der Intensivtierhaltung werden die Preise dafür in die Höhe getrieben. Insbesondere in Südamerika wird folglich Regenwald für neue Anbaugebiete gerodet, Landbewohner*innen werden vertrieben und/oder durch im Sojaanbau eingesetzte Chemikalien geschädigt. Überall auf der Welt werden für die Ärmsten die Grundnahrungsmittel teurer. Darüber hinaus werden Überschüsse aus der europäischen Fleischindustrie u. a. nach Afrika exportiert, wo sie die örtlichen Märkte zerstören und so für Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger sorgen. Innerhalb des globalisierten Kapitalismus sind also die konkreten Handlungen der europäischen Tiernutzungs-Konzerne im Verbund mit der europäischen Politik, die sich für die Offenheit der Märkte und den Export von Tierprodukten stark macht, mit dafür verantwortlich, dass hunderte Millionen Menschen jährlich von Hunger betroffen sind.
Genau davon sucht die Industrie abzulenken, indem sie öffentlichkeitswirksam Spenden für die Welthungerhilfe sammelt und sich so als Bekämpfer statt als Mitverursacher des globalen Hungers darstellt.

Hier sind Infos und zwei Dokus zu den Zusammenhängen:
Artikel „Das billige Fleisch hat Folgen“ (Neues Deutschland)
„Der Fleischatlas 2013″
ARTE-Dokumentation „Nie wieder Fleisch“
ARTE-Dokumentation „Hühner für Afrika“

Geradezu unerträglich heuchlerische Statements zu den Spendenaktionen in früheren Jahren gibt es hier:
Pressemitteilung „20.000 Euro für Welthungerhilfe“ (2011)
Pressemittelung „ErlebnisBauernhof Spendenaktion sammelt 25.000 Euro für Welthungerhilfe“ (2012)