Archiv der Kategorie 'Schein und Wirklichkeit'

Aktion bei der Eröffnung des „ErlebnisBauernhofs“

AktivistInnen von „Grüne Woche demaskieren!“ haben am heutigen Vormittag einen Werbe-Schlachttransporter im „ErlebnisBauernhof“ erklettert und gegen kapitalistische Landwirtschaft auf der Grünen Woche protestiert.

Während der Eröffnung des Erlebnisbauernhofs auf der Internationalen Grünen Woche fand heute eine Protestaktion der Gruppe „Grüne Woche demaskieren!“ statt. Zwei AktivistInnen kletterten auf den dort platzierten Schlachttransporter mit der zynischen Aufschrift „Wir transportieren Tierschutz“, ließen ein Transparent herunter und hielten eine Ansprache. Andere Aktive verteilten derweil Flugblätter, in denen sie Kritik an der gegenwärtigen Landwirtschaft übten und die Grüne Woche als Werbeveranstaltung für ein gewaltvolles und ausbeuterisches System bezeichneten. Die anwesende Menge aus LandwirtInnen, Landjugendlichen und Vertretern der ausstellenden Firmen schrien die AktivstInnen von unten mit der Parole „Ihr könnt nach Hause gehen“ nieder. (mehr…)

Welthandel und Welthunger

Bei diesem Text handelt es sich um einen Redebeitrag von Erasmus Müller zur Welthungerdemo 2008 in Köln. Da die Kernpunkte bis heute gültig sind, wird der Text mit freundlicher Erlaubnis des Autors hier noch einmal veröffentlicht. Er macht verständlich, warum wir uns gegen die kapitalistische Landwirtschaft einsetzen.

--> Als kleiner Junge dachte ich: Hunger in armen Ländern kommt daher, dass da nichts wächst und auch noch ständig Dürre ist. Heute weiß ich: In vielen der Länder, in denen wirklich gehungert wird, wächst viel mehr als bei uns, wo fast ein halbes Jahr Winter ist. Heute weiß ich: Dass 850 Millionen Menschen hungern, ist ein schmutziges Spiel mit vielen Akteuren. Und wie immer ist es nicht nur Zufall, wenn es jemandem wirtschaftlich dreckig geht. (mehr…)

Das „Internationale Parlament der Blumen“

Die Planer der Grünen Woche lassen sich einiges einfallen, um die Messebesucher zu beeindrucken. So werden im „Internationalen Parlament der Blumen“ herausragende floristische Besonderheiten präsentiert. Palmen, Tulpen, Sukkulenten, Azaleen und weitere Blumen und Zierpflanzen aus aller Welt verwandeln die Blumenhalle in einen Parlamentsaal. „Hier nehmen die jeweiligen „Blumen- und Pflanzennationen“ entsprechend ihrer nationalen Herkunft auf bis zu drei Meter hohen, radial angeordneten Blumenterrassen in Pflanzengemeinschaften ihre Plätze ein.“

Da wundert sich der Laie und der Fachmann staunt. Informationen zu den lokalen Auswirkungen und Arbeitsbedingungen des Blumenanbaus wird man auf der Grünen Woche aber sicher vergeblich suchen.

Die wenigsten Schnittblumen werden in den Ländern angebaut, in denen sie verkauft werden. Die meisten Blumen stammen aus südlichen Ländern (Ostafrika und Südamerika) mit optimalen klimatischen Bedingungen. Kenia und Tansania sind die größten Rosenexporteure. Trotz des aufwendigen Transportes in gekühlten Frachtcontainern per Flugzeug ist der Blumenimport immer noch kostengünstiger als die Produktion in Europa. Das liegt u.a. auch an den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und den oft fehlenden Umweltstandards in den Herkunftsländern.
Die Arbeiter*innen arbeiten oftmals für einen unregelmäßigen Hungerlohn, haben nur Kurzarbeitsverträge ohne Anspruch auf Sozialleistungen und keine festgelegten Arbeits- oder Pausenzeiten. Gesundheitlich werden sie durch den Einsatz von Pestiziden und anderen Chemikalien, die auch zu beträchtlichen Umweltschäden führen, belastet. So weisen fast alle in Europa verkauften Rosen giftige Pestizidrückstände auf . Diese sind jedoch nur für die Arbeiter*innen in den Anbauländern gesundheitsgefährlich – Kopf- und Magenschmerzen, gerötete Augen, Atemprobleme und Allergien bis hin zu Fehlgeburten sind die Folge.

Der Blumenanbau verbraucht viel Wasser. Rosen benötigen 60 m³ sauberes Wasser pro Hektar und Tag – Wasser, das in den tropischen Ländern sinnvoller genutzt werden könnte. Die meisten Rosen aus Kenia werden auf Farmen um den Naivasha-See angebaut. Aufgrund des hohen Wasserverbrauchs für die Schnittblumenindustrie droht der See in Trockenperioden auszutrocknen. Auch wird immer wieder mit Chemikalien belastetes Abwasser ungefiltert in den See geleitet. Das zerstört die lokalen Ökosysteme und somit die Lebensgrundlage der Arbeiter*innen und Kleinbauer*innen (Link).

Globale Ungerechtigkeiten werden auf der Grünen Woche nicht thematisiert. Vielleicht soll ja auch ein „Internationales Parlament der Blumen“ eine Gleichberechtigung der einzelnen Menschen und Nationen suggerieren?

Gesundes Wildbret aus tierschutzgerechter Jagd – Eine Lektion Jägerlatein

Tod und Töten für Kinder
Auf der Grünen Woche präsentiert sich traditionell auch der Deutsche Jagdverband. 2014 werden die Jäger*innen in der Halle 26a ein Minibiotop anlegen und dort ein paar süße Wildtiere einsperren. Auf 300 Quadratmeter, der Fläche eines mittleren Biergartens, können Kinder sich z. B. Dachse und Waschbären aus der Nähe anschauen. Die Jäger*innen bekommen dazu die Gelegenheit, ihr gewaltvolles Hobby im sanften Naturschutzlicht zu präsentieren. Und wie so oft auf dieser Messe wird kein Hehl daraus gemacht, dass Faszination und Zerstörung zusammengedacht, dass ein Interesse an Tieren in schönster Harmonie mit dem Verzehr ihrer toten Körper stehen soll. In der Messezeitung heißt es auf S. 21:

Die Jäger zeigen in Halle 26a zudem, wie bunt und vielfältig die heimische Natur ist, was die Jäger zu deren Erhalt beitragen und wie gesund und lecker Wildbret ist. Dass dem Hirschgulasch oder der Wildschweinbratwurst eine tierschutzgerechte Jagd vorausgeht, wie diese in Deutschland ausgeübt wird und welche strengen Vorgaben gelten, erfahren Besucher ebenfalls.

Eine Differenz von Schein und Wirklichkeit besteht hier in mindestens drei Punkten.

1. Jagd und Erhalt der Natur: Seit langem wird die These, dass die Jäger*innen einen Beitrag zum Naturschutz leisten, indem sie z. B. Populationen kontrollieren, scharf kritisiert. Jäger*innen tragen z. B. in vielen Fällen durch gezielte Fütterung von Wildtieren zu deren Vermehrung bei, die sie dann als Problem bezeichnen, zu dessen Lösung sie sich berufen fühlen. Dass der Naturschutz gewöhnlich nicht das Motiv beim Jagen ist, geht aus zahlreichen Insiderberichten hervor. Und ganz allgemein gilt: Die Idee, dass die Natur durch das Verletzen und Töten ihrer fühlenden Bewohner zu schützen sei, ist mindestens paradox.

2. Gesundes Wildbret: Während in manchen anderen Ländern das Jagen mit bleihaltiger Munition verboten ist, darf in Deutschland noch damit auf Rehe und andere Waldbewohner geballert werden. Infolgedessen sind dann auch die aus ihren Körpern hergestellten Waren mit Blei belastet und können so ein Risiko insbesondere für Schwangere und Kleinkinder darstellen.

3. Tierschutzgerechte Jagd und strenge Vorgaben: Zunächst ist festzustellen, dass die Jagd nur deshalb mit dem Tierschutzgesetz übereinstimmen kann, weil für sie Ausnahmen festgelegt sind – dass etwa die Betäubung beim Töten wegfallen darf. Das Tierschutzgesetz selbst ist außerdem bekannt dafür, dass es Tiere vor einer Vielzahl von Grauenhaftigkeiten gerade nicht schützt – es wird zu Recht „Tiernutzgesetz“ genannt. Und die Jagd hat ihre ganz speziellen Grauenhaftigkeiten: Eine liegt darin, dass viele Tiere durch die Jäger*innen nur angeschossen werden und langsam und qualvoll sterben. Ein zweites Beispiel ist die in der Fuchsjagd übliche Praxis, Hunde in die Fuchs-Behausungen zu jagen, wo sie oft stundenlang mit den Füchsen kämpfen, bis diese herauskommen, um dort erschossen zu werden. Mit Tierschutz im Sinne der Vermeidung „unnötigen“ Leidens hat die Jagd daher überhaupt nichts zu tun.

Aus unserer Sicht ist das Hauptproblem freilich nicht, dass die Tiere nicht tierschutzgerecht getötet werden. Jedes Tier, das von einer Jägerin oder einem Jäger erschossen wird, wollte nicht sterben. Jedes dieser Tiere hatte Bewusstsein, Gefühle und ein eigenes Leben, das ihm aus bloßem Spaß am Töten oder falsch verstandenem Naturschutz genommen wurde. Viele dieser Tiere hatten auch Angehörige und Freunde, die um sie trauern.
Jagd ist weder notwendig, noch natürlich, noch gut oder nützlich. Jagd ist die Verletzung und Tötung von Individuen als Sport und Hobby. Auch dagegen wenden wir uns in unserem Protest gegen die Grüne Woche. Schließt euch uns an!

Mehr zur Jagd:
ARIWA über Jagd
Anti-Jagd-Blog

Warum die Demo „Wir haben es satt“ als umfassende Kritik an der industriellen Landwirtschaft nicht ausreicht.


Zum vierten Mal findet nächstes Jahr am Samstag, dem 18.1.2014, die Demo „Wir haben es satt“ anlässlich der Internationalen Grünen Woche in Berlin statt. Unter dem Motto „Wir haben Agrarindustrie satt! Gutes Essen. Gute Landwirtschaft. Für Alle!“ ruft ein Bündnis von 44 Organisation auf, für eine bäuerliche und ökologischere Landwirtschaft zu demonstrieren.

„Wir haben es satt“ kritisiert die dramatischen Folgen der agrarindustriellen Massenproduktion für Menschen, Tiere und Umwelt. Eine Kritik, die wir teilen.

Warum braucht es dann noch das Aktionsbündnis „Grüne Woche demaskieren“?

Weil die Forderungen nicht weit genug gehen. Weil in der gegenwärtigen Landwirtschaft nicht nur die agrarindustrielle Massenproduktion nicht hinnehmbar ist. Weil eine grundsätzliche Kritik an der immanenten Struktur der Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt innerhalb der kapitalistischen Landwirtschaft fehlt.

Uns fehlt der Verweis darauf, dass der Hunger weltweit Resultat des globalisierten Kapitalismus ist.

Uns fehlt der Verweis darauf, dass es sich bei Lebensmittelskandalen nicht um Einzelfälle handelt, sondern um strukturelle Probleme. Lange Wertschöpfungs- und Zulieferketten, in denen jede*r Beteiligte Gewinn anstrebt, haben oftmals hohe soziale und ökologische Kosten.

Uns fehlt der Verweis darauf, dass eine „artgerechte Tierhaltung“ per se nicht möglich ist und ein Ende der Megaställe nicht ausreicht. Auch bei „Bio“tierhaltung handelt es sich meist um Massentierhaltung. Worte wie „Bio“ und „artgerecht“ verschleiern die Ausbeutung von Tieren oder geben vor, eine faire Ausbeutung sei möglich. Besonders kritisch ist die Beteiligung des deutschen Tierschutzbundes zu bewerten, der für das neue Verbrauchertäuschende Tierschutzlabel „Für mehr Tierschutz“ verantwortlich ist. Wir fordern eine vollständige Abkehr von der Tiernutzung.

Die Demo „Wir haben es satt“ ist inzwischen selbst zu einer Art Institution geworden, auf der die Beteiligten sich jedes Jahr gegenseitig bestätigen, was kritisiert werden muss und was als Lösung akzeptabel ist. Mit unserem Aufruf wollen wir dagegen mehr Menschen zum eigenständigen Handeln motivieren, anstatt nur institutionalisierten Protest zu konsumieren. Wir wünschen uns vielfältige kreative Aktionen, die hoffentlich mehr bewirken, als die alljährliche, vollständig vorhersehbare und politisch von allen eingeplante Demo.

Aus diesem Grund rufen wir alle Menschen auf, denen die Forderungen des Bündnisses „Wir haben es satt“ nicht weit genug gehen, sich an unseren Aktionen zu beteiligen oder eigene Aktionen zu planen. Am Samstag und Sonntag, 18. und 19. Januar, ist je ein Infostand vor dem Gelände der Internationalen Grünen Woche geplant (Programm). Weitere Veranstaltungen werden folgen. Auf unserer Homepage findet ihr das aktuelle Programm. Wenn Ihr möchtet, dass wir Eure Aktion im Vorfeld auf der Aktionswochen-Website ankündigen und dafür mobilisieren, oder wenn Ihr mit uns zusammen am organisatorischen Rahmen der Aktionswoche arbeiten wollt, meldet Euch gerne einfach bei: aktionen-gruene-woche[ät]riseup.net.