Archiv der Kategorie 'Tierindustrie'

Warum für Tierbefreiung?

Einer unserer zentralen Kritikpunkte an der gegenwärtigen Landwirtschaft ist, dass sie nichtmenschliche Tiere in milliardenfacher Zahl zur Produktion von „Fleisch“, Milch und Eiern ausbeutet. Die Aktionsgruppe „Grüne Woche demaskieren!“ vertritt dagegen eine Tierbefreiungsposition, setzt sich also für die Abschaffung dieser Ausbeutung ein. Warum?

Es gibt viele Motive und Argumente für diese Position. Ein ziemlich simples ethisches Argument lautet folgendermaßen:

1. Die typischern „Nutztiere“ wir Hühner, Schweine, Rinder, Gänse oder Kaninchen sind empfindungsfähige Lebewesen, die komplexe Eigenschaften, Bedürfnisse und Interessen haben. Sie sind Subjekte mit einer eigenen Perspektive auf die Welt, nicht bloß Dinge. In wesentlichen Eigenschaften sind sie uns sehr änlich: Sie können leiden, sie können Freude empfinden, Spaß haben oder sich langweilen, sie gehen soziale Beziehungen mit anderen ein, sie empfinden Trennungsschmerz und vieles mehr. Als empfindungsfähige Subjekte sind sie ethisch zu berücksichtigen, d.h. ihre Bedürfnisse und Interessen sind bei Handlungsentscheidungen miteinzubeziehen. (mehr…)

Zucht-„Erfolge“ und aussterbende „Nutz“-Tierarten nebeneinander auf der Grünen Woche

Während der internationalen Grünen Woche werden in der Halle 25 auch dieses Jahr regelmäßig Tierschauen veranstaltet. Zum einen werden gefährdete „Nutz“-Tierrassen gezeigt, deren Zucht und Dasein sich ökonomisch nicht mehr lohnt. Sie geben zu wenig Milch, legen zu wenige Eier oder setzen zu wenig Muskelmasse an. Deshalb sind sie vom Aussterben bedroht. Dieses Jahr werden unter anderem der Auerochse, die Pfauenziege und die gefährdete Nutztierrasse 2014 das „Dülmener Pferd“ zu sehen sein.

Zum anderen werden die modernen Rassen, die heutzutage in der Agrarindustrie genutzt werden, in einem Schaulaufen dem Fachpublikum und dem interessierten Messebesucher vorgeführt (Link, Link). Diese nichtmenschlichen Tiere sind für eine „Nutzungsart“ optimiert. Hühner, die über 300 Eier pro Jahr legen. „Mast“-Hühner, -Schweine und Puten, die extrem schnell, extrem viel Fleisch ansetzen. „Milch“-Kühe, die auf Turboleistung gezüchtet werden und bis zu 19.000 kg Milch pro Jahr liefern – das sind bei 300 Melktagen etwa 10 % ihres Körpergewichtes an einem Tag.

Die steigenden Anforderungen an die Leistung der modernen „Nutz“-Tierrassen gehen natürlich auf Kosten der Tiere: Die Verdoppelung der Milchleistung in den letzten 50 Jahren führt zu häufigeren Fruchtbarkeitsstörungen, Euter- und Klauen-Erkrankungen sowie Stoffwechselstörungen. Ein Großteil der Masthühner leidet auf Grund der großen Muskelmasse an Gelenkerkrankungen. „Mast“-Schweine weisen häufig Herz-Kreislauf-Störungen, Gelenkerkrankungen und eine hohe Stressanfälligkeit auf. Die häufigste Todesursache der „Lege“-Hühner vor der Schlachtung sind Erkrankungen der Legeorgane. Sei es als in Kauf genommener Nebeneffekt oder als erwünschter Zuchterfolg – durchweg sinkt die Lebenserwartung (im Fachjargon zynisch „Nutzungsdauer“ genannt) der Tiere. Mehr als ein Drittel einer Kuhherde muss jährlich geschlachtet werden – meist wegen behandlungsresistenter Erkrankungen, trotz Antibiotikagabe. „Lege“-Hühner leben nur eine Legeperiode (ein Jahr). Masthühner haben bereits nach 28 Tagen ihr Schlachtgewicht erreicht.

Genetisch krank und auf Dauer nicht überlebensfähig oder vom Aussterben bedroht – als Frankensteins Monster für die effiziente Nutzung durch den Menschen erschaffen oder aus sentimentalen Gründen erhalten. Auf der Grünen Woche kann beides nebeneinander existieren. Ohne dass offensichtliche Fragen zur gängigen Praxis der Tierausbeutung aufgeworfen werden.

Zynische Image-Pflege der Tierindustrie: Benefizempfang für die Welthungerhilfe

Aus dem Programm der Grünen Woche für Freitag, 17. 1. 2014

Die Eröffnung des „Erlebnisbauernhofs“ auf der Grünen Woche mit einm Benefizempfang zugunsten der Welthungerhilfe zu feiern, ist zynisch, weil der „Erlebnisbauernhof“ primär der Beschönigung und Bewerbung der Tierindustrie dient – ist er doch ein Projekt der Fördergemeinschaft für nachhaltige Landwirtschaft, ein Lobbyverein, in dem u. a. der Deutsche Bauernverband, die Zentralverbände der deutschen Geflügelwirtschaft und der deutschen Schweineproduktion organisiert sind.
Die Tierindustrie trägt allerdings wesentlich zu Hunger und Armut in der Welt bei: Durch den hohen Verbrauch von Futtermitteln aus Soja und Getreide in der Intensivtierhaltung werden die Preise dafür in die Höhe getrieben. Insbesondere in Südamerika wird folglich Regenwald für neue Anbaugebiete gerodet, Landbewohner*innen werden vertrieben und/oder durch im Sojaanbau eingesetzte Chemikalien geschädigt. Überall auf der Welt werden für die Ärmsten die Grundnahrungsmittel teurer. Darüber hinaus werden Überschüsse aus der europäischen Fleischindustrie u. a. nach Afrika exportiert, wo sie die örtlichen Märkte zerstören und so für Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger sorgen. Innerhalb des globalisierten Kapitalismus sind also die konkreten Handlungen der europäischen Tiernutzungs-Konzerne im Verbund mit der europäischen Politik, die sich für die Offenheit der Märkte und den Export von Tierprodukten stark macht, mit dafür verantwortlich, dass hunderte Millionen Menschen jährlich von Hunger betroffen sind.
Genau davon sucht die Industrie abzulenken, indem sie öffentlichkeitswirksam Spenden für die Welthungerhilfe sammelt und sich so als Bekämpfer statt als Mitverursacher des globalen Hungers darstellt.

Hier sind Infos und zwei Dokus zu den Zusammenhängen:
Artikel „Das billige Fleisch hat Folgen“ (Neues Deutschland)
„Der Fleischatlas 2013″
ARTE-Dokumentation „Nie wieder Fleisch“
ARTE-Dokumentation „Hühner für Afrika“

Geradezu unerträglich heuchlerische Statements zu den Spendenaktionen in früheren Jahren gibt es hier:
Pressemitteilung „20.000 Euro für Welthungerhilfe“ (2011)
Pressemittelung „ErlebnisBauernhof Spendenaktion sammelt 25.000 Euro für Welthungerhilfe“ (2012)